Volker Bauermeister,

Einführung in die Ausstellung "Günther Holder - ARCHIPEL", Galerie Albert Baumgarten, Freiburg, 2015

 

Archipel Holder. Dieser Plastiker, dem wir hier begegnen, ja, er holt weit aus. Er mag es, seine Dinge vorm weiten Horizont zu sehen. Die Kunstgeschichte des Baums zum Beispiel erweitert er mit „Waldstücken“. Die Naturgestalt - den Baum - konterkariert er mit selbst auch schrill anmutender koloristischer Synthetik. Er setzt auf Holz und Gehölz und treibt das Spiel mit der farbigen Fassung sehr weit. Er selbst spricht von „Spiel“. Er sagt, wenn er Arbeit meint: „Ich spiele....“

 

Seine Arbeit zwingt er in kein Formkorsett (keine Rede von: „Stil“!). Und er bringt sie nicht auf einen konzeptionellen Nenner ( „Position“ ist auch nicht das treffende Wort!). Zweipolig ist seine Basis: Bildhauerei und Malerei. Der Titel dieser Schau - „Archipel“ - ist exemplarisch offen. Das erste, was Sie vor Augen hatten, war das Streumuster auf der Einladungskarte. Ein Generalplan sieht anders aus. Was Holder macht, liegt nicht auf einer vorgezeichneten Linie. Je im Einzelfall will es „abgespürt“ sein. Dies Holder'sche Wort - „abgespürt“ - schließt das Kalkül so wie das Gefühl ein: Es meint ein Erspüren und ein Abschätzen in einem. Plausibel ist jedes Holder-Stück auf dem Weg letztendlich von sich aus. In der Summe ergibt dies das besagte Streumuster. Das OEuvre als Inselwelt. Den Archipel Holder.

 

Wir sehen den Bildhauermaler also unterwegs. Jedes Mal. Bei jedem Stück. Die alten Ozeanier bewegten sich auch so durch ihr Inselmeer. Versierte Praktiker der Suche, im Handwerk des Reisens mit feinem Spürsinn begabt. Sie kannten die Winde, die Strömungen des Meers, den Flug der Vögel und die hilfreichen Zeichen der Sterne. So fanden sie sich zurecht in der Weite.

 

Was Günther Holder kennt und vermag (materialtechnisch wie verfahrenspraktisch), das lässt sich erahnen, wenn man sich umsieht. Im Atelier in der Villa Mitscherlich weiten sich ihm bei der Arbeit die Wände. Hölzer sind die Vehikel des fortbewegungspoetischen Spiels.

 

Wer etwas über Holder sagen will, sieht sich selbst im Schlepptau mikronesischer Pfadfinder der Meere gewissermaßen. Unter der Hand wächst da eine dieser Stabkarten zusammen. Texte sind ja, wenn sie Texte sein wollen (und was sollten sie sonst?), auch Objekte. Dem hier, der irgendwie die stetig wachsende Holder'sche Inselwelt wiedergeben will, flechte ich ins Palmblattrippengerüst als Wortmuscheln die vorliegenden Bilddinge ein.

 

Was unser Mann „Waldstücke“ nennt, sind solche. (Hier nebenan sind zwei davon.) Im Großen und Ganzen liegen sie zeitlich eher hinter ihm – wenn auch im Atelier am Waldrand sich noch das ein oder andere Ästchen in künstlerischem Gebrauch findet. Der Holzbildhauer griff hier ins Formarsenal der Natur. Der mit klaren Schnitten portionierte, glatt geschälte Baumstamm kam als Relief an die Wand. Die Farbe, die sich vielschichtig lasierend als gelackte Farbhaut darüberlegt, fungiert als Widerpart. Das Holzstück, selbst auch mit Wurmlöchern und -gängen - der unvermittelten Grafik der Risse -, rückt in eine Distanz somit. Und drängt aus der gewonnenen Ferne sich uns als ein Unbekanntes auf.

 

Mit seinen kräftigen - verwandlungskräftigen Farbkörpern etabliert Holder das Bild unter den Dingen. Changierend zwischen Plastik und Malerei, gewinnt, was er tut, eine nachgerade ausschweifende Dynamik. Unter den Protagonisten der Farbkörper, der räumlich emanzipierten Farbe - Elisabeth Vary etwa, die die Malfläche - in Kartonvolumen vervielfacht - potenziert, und Michael Venezia mit seinen zu Horizonten gestreckten Farbbalken – unter ihnen ist der Plastiker Holder ein anderer Solitär.

 

Zu seiner malerisch expandierenden Plastik zählt die große Inselgruppe der „Segmente“ dazu. In der ausgreifenden Rundform ist die Naturgestalt des gewachsenen Holzstücks darin ausgeschlossen, nicht aber das Prinzip des Ausschnitts. Der Typus „Segment“ tönt in seiner gerundeten Kontur ein schönes Ganzes an. Doch dementieren die geraden, segmentierenden Schnitte im Holz die Idee vom vollkommenen Körper.

 

Hier sehen Sie diesen fein lasurmalerisch tief ultramarinblau gefassten Bollen, diesen zweifach amputierten Riesentropfen, der so aussieht, als hätte sich ein Bildhauer - mit dem Zugeständnis der Farbe - selbst aufgetragen, das weite Meer in eine Form zu bringen, - und hätte seine irrwitzige Ambition dann allerdings mit der Säge doch nicht unkommentiert lassen wollen. Dabei gelingt Holder das transluzide Blau so schön in dem schwer gebauchten Rund. Dem meerblauen Bauch des Südens fehlt nur eben, was sich schlechterdings ausschließt, wenn ein Künstler nicht als schamlos weltfremder Idealist dastehen will: dies Unmaß der Vollkommenheit.

 

Bei einer kleinen, hell neapelgelben Kuppel oder Brust, die noch am Rand in diese Schau fand, sind die mehrfachen Schnitte so gesetzt, dass sie sich in Zwickel verzweigt und das aufgeschnittene Holz überaus präsent wirkt. Das ist eine Option, neben der farbigen Haut den puren Werkstoff auch mitsprechen zu lassen, im simultanen Widerspruch. Die Kuppel übrigens ist hier im Hauptraum jetzt durch dies schimmernde Eckstück ersetzt, oben über unsern Köpfen. Dem Raumknick passt es sich ein, der ist ihm ja direkt eingesägt.

 

Und ,sehen Sie, dies Körper-Segment da drüben, diese monumentale, flaschengrüne Wade. Man mag sie vielleicht auch als elegant gestylten Kotflügel ansehen: automobilen Triumphbogen für den täglichen Sieg über den Schmutz. Detroiter Barock oder so. Doch sucht Holder, wo er „Karosserie“ zitiert, in der Farbe auch das Mittel, das assoziierte Banale dann wieder zu überspielen - ja, ich wage zu sagen: zu transzendieren.

 

Die Farbe als lebendige (und das heißt: durchaus nicht makellose) Haut wirkt als Membran. Raum und Raum - den imaginären, körperimmanenten und den realen - trennt und vermittelt sie durch ihre Transparenz und Spiegelwirkung. Die farbige Fassung lässt diese greifbaren Körper ungewiss erscheinungshaft, visuell unfassbar werden.

 

Worauf der Künstler gegenwärtig aber vor allem baut, das ist der simple Quader. Das Ding von der Stange - besser gesagt, aus dem Baustoffhandel. (Da begegnet er ja nicht wenigen seiner Kollegen.) Holz in einer industriell vorgefertigten, strikt auf den Nutzwert zugeschnittenen Form. Als gut verleimtes Schichtholz ist es in beliebiger Länge und Stärke zu haben und schließt in garantierter Stabilität aus, was wir „Leben“ nennen und beim früheren Holder in groben Spalten und feinen Rissen unwillkürlich gestaltend mitwirken sahen. (Da vorn, nah beim Eingang, findet sich noch ein später Reflex davon.) Der wohlfeile Holzklotz also ist Holders aktuelle Herausforderung. Er verleugnet ihn nie. Und verwandelt ihn doch jedes Mal.

 

Nein, Holder malt keine Bilder auf Holzblöcken. Er definiert solches Bauholz malerisch neu. Dass er „stärker in die Malerei geht“, sagt er. Er löst ihre Bindung an die Monochromie. Er lässt sie mitunter tun, die Farbe, was sie tut, wenn man sie frei lässt. Lässt sie laufen und informelle Spuren bilden. Dass der Klotz für ihn nicht nur der ungewöhnlich massive Täger einer Malfläche ist, ist evident. Buchstäblich bearbeitet er ihn nicht einseitig, nicht nur vordergründig. Dass sein Farbkörper im Kern ein durchaus unkünstlerisches Gebrauchsgut ist, das legen die seitlichen Schnittkanten unmissverständlich offen.

 

So „zwischen allem“ zu stehen, sagt Holder, der zwischen Malerei und Plastik flottiert, das gefalle ihm. So spielt er auch das Spiel vom Teil und vom Ganzen weiter. Sichert dem genormten Körper den unkalkulierbaren koloristischen Reiz. Lässt ihn leuchten und spiegeln. Lebt die Farblust an ihm aus. Setzt die Farbe als köstliche Kuvertüre ein. Oder versiegelt die plane Oberfläche mit herber Strenge.

 

Ein „Schlüsselerlebnis“ war, erzählt Holder, als er in der Freiburger Goethestraße einmal eine Villa sah, die sich - qua Farbe - in zwei Villen teilte. Wobei gar auch ein Bauglied in der Mitte - ein Pilaster – mit entzwei ging. So griff die farbige Oberfläche rigoros ins Bild der plastischen Substanz ein.

 

Was Holder heute der Handel an die Hand gibt - der hölzerne Bauträger -, wird ihm auf dem Farbweg dann auch so zum Spielfeld von Beziehung. Mit Konkreter Kunst und deren Ordnungsliebe hat er wenig im Sinn. Aber mit sinnlicher Differenzierung.

 

Die Farbe als Taststoff für die Augen! Einmal teilt sich hier ein sanft fließendes Rosé in eine matt seidige Hälfte und eine glasig-glatt schimmernde. Einmal ist farbflüssiges Ornament mittig so zerteilt, dass die gegenüberliegenden Hälften wie Dinge für sich, quasi wie Türen scheinen, in denen sich der Block denn würde öffnen können. Damit will das farbige Etwas wie ein Zwischending anmuten – autonomes Objekt mit poetisch-trivialem Bedeutungshof.

 

In einer weiteren, etwas weiter von allem entfernten Inselgruppe auf meiner Stabkarte, an der ich noch immer bastle, fixiert sich Holder auf die alltagsweltliche Assoziation. Hier in der Galerie bleibt sie ausgespart, diese Kette von Inseln, doch will ich sie nicht übergehen, da sie einen unvermuteten Schritt repräsentiert. Da legt Holder das Raster der Flächenteilung, durchaus nicht weniger feinmalerisch, aber eindeutig auf etwas wie „Fliese“ fest - und erklärt damit das Bild, für den flüchtigen Augenblick, zum irritierend trivialen, kastenförmig gekachelten Wandteil. Die Illusion Fliese/Kachelwand ist so trompe-l'oeilhaft stark, dass die prompte Desillusion desto heftiger wirkt:

der Blick auf den realen Träger, den Schnitt wiederum, das nackte Holz. Täuschung bedingt Ent-Täuschung. Ein wohlkalkulierter Effekt. Ein feiner Witz. Dies nebenbei.

 

Ich fasse zusammen:

Bilder, die Dinge sind. Dinge, die scheinen, wer weiß wie! Wir sehen sie hier rundherum verteilt und aneinander gereiht. Sie kommen vom Alltag her - oder erinnern daran. Und reichen doch weit ins Unvertraute.

 

Unverfügbar sind sie allesamt, diese Holder'schen Zwischendinge. Unverfügbar am Ende auch dem Kritiker, der sich, wo irgend möglich, auf eine Ansicht von etwas festlegt und liebend gern als maßgeblicher Platzanweiser für Kunst darstellt. Ihre herrlich verwirrende Wirkung, will der dilettierende Kartograph hingegen meinen: Wir sollten sie einfach akzeptieren - und auskosten. Sie rührt von der Wachheit dessen her, der sie ausfeilt. Wachheit provoziert Wachheit.

 

Entsprechend fühlen wir uns.

Gut, hier zu sein. Guten Abend.  

 

 

Volker Bauermeister, Januar 2015